„Das Rennen rettete mich“

Ein Gastbeitrag von Justine über den Suizid ihres Vaters

Foto: Martin Steger

Ich erinnere mich immer noch haargenau an den Moment, in dem ich meinen Vater zum letzten Mal gesehen hatte. Es war der Tag nach meinem 24. Geburtstag (meine Lieblingszahl). Er war an meinem Geburtstag mit seiner Frau zusammen zu einem Wettbewerb gekommen, an welchem ich mit meiner Musikgruppe teilgenommen hatte.

Tags darauf brachte er mir frühmorgens die Sonntagszeitung nach Hause. Ich bemerkte, dass er sehr müde aussah, und fragte ihn, was er noch vorhabe an diesem schönen Frühlingssonntag. Er antwortete, noch ins Büro zu müssen, um zu arbeiten. Da bat ich ihn, gut auf sich zu schauen, sich auch zu erholen und was Gutes zu tun. Ich machte mir Sorgen, konnte aber nicht genau sagen, warum. Das war gut eine Woche vor seinem Suizid.

Es war der 3. Juni 2014, an dem ich mittags von meinem Bruder am Telefon erfuhr, dass mein Vater vermisst wird. Zu diesem Zeitpunkt wusste er bereits von seinem Tod, brachte es aber nicht übers Herz, mir dies am Telefon mitzuteilen. Er beendete den Anruf mit dem Satz: „Ich befürchte das Schlimmste.“

Damit begann ich, mich innerlich auf diese Tatsache vorzubereiten, wollte sie aber noch nicht wahrhaben. Mit diesen gemischten Gefühlen machte ich mich auf in die Schule, wo ich eine Stellvertretungsstelle als Lehrerin hatte.

Der Unterricht am Nachmittag zog wie ein Nebelschleier an mir vorbei. Bloß die Frage einer Schülerin, ob ich nicht sehr traurig sei, brannte sich mir ein, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher über den Tod meines Vaters Bescheid wusste.

Kurz nach Feierabend erhielt ich einen Anruf von der zweiten Ehefrau meines Vaters, mit der er schon viele Jahre verheiratet war. Sie erzählte mir unverblümt von seinem Suizid und dass er von einer Brücke gesprungen sei. Sie hätte eigentlich mitgehen wollen, aber er hat es einfach ohne sie gemacht. Sie hätten dies schon einige Jahre geplant und schon einmal einen Versuch gestartet. Damals sei sie aber nicht bereit gewesen und nun sei er ohne sie gegangen.

Ich sackte an meinem Kleiderschrank herunter und schrie kurz auf, bevor ich verstummte. Die Szene kam mir vor wie in einem Film.

Meine Mutter kam ins Zimmer und wusste sofort, was los ist. Da klingelte es an der Türe und mein Bruder kam die Treppe hoch. Er sah, dass ich schon Bescheid wusste, nahm mich unter Tränen in den Arm und entschuldigte sich dafür, dass er mittags nicht fähig gewesen war, mir die Wahrheit zu sagen.

Abends traf dann die ganze Familie im Haus der Großmutter zusammen, in welchem mein Vater nach ihrem Tod zusammen mit seiner Frau gelebt hatte. Ich erinnere mich noch daran, dass der Großteil der Gespräche um Geld und Schulden ging.

Mein Vater hatte immer einen sehr lockeren Umgang mit Geld gehabt, aber dass er sich so sehr in Schulden verstrickt hatte, war niemandem richtig bewusst gewesen. Das Reden um Geld machte mich halb wahnsinnig. Ich krallte mir fast die Hände blutig vor Anspannung.

In dieser Nacht fand ich keinen Schlaf und dachte in Dauerschleife daran, wie mein Vater mutterseelenalleine in das Bergdorf über der Rheinschlucht gefahren sein muss, um dort von der Brücke seines Lieblingsortes in die Tiefe zu springen und seinem Leben ein Ende zu machen.

Was wir zu diesem Zeitpunkt hatten, war eine WhatsApp-Nachricht von meinem Vater an meinen Bruder, in der er schrieb, dass es ihm leidtue, aber er hätte seine Frau nicht mitnehmen können. Diese Nachricht verstand mein Bruder erst im Nachhinein. Außerdem hatte er seiner Frau eine Nachricht auf Papier hinterlassen, die auch für sie erst später verständlich wurde.

Zwei Tage später entdeckte mein Bruder zwei Abschiedsbriefe in seinem Briefkasten: einen für ihn und einen für mich. Bis dahin war ich sehr haltlos, da ich nichts Persönliches von ihm in den Händen hatte, und ich zweifelte sehr an allem. Mit diesem Brief hatte ich dann etwas, an das ich mich ein wenig halten konnte und das mir zeigte, dass ich ihm wichtig war.

Es war für mich schwierig, mit der Trauer umzugehen, da ich nicht frei war, diese zuzulassen, wenn sie übermächtig wurde. Meine Mutter, die bereits zwanzig Jahre von meinem Vater geschieden war, versuchte alles, damit ich ihn nicht auf einen „Sockel“ stellte, wie sie es nannte. Nur bei meinem Bruder konnte ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Aber auch da spürte ich stets die Eifersucht meiner Mutter im Nacken und traute mich oft nicht zu sagen, dass ich bei ihm war.

Ihr Verhalten machte es für uns alle schwer, denn sie versuchte, den Platz der zurückgelassenen Ehefrau einzunehmen, die sie lange schon nicht mehr war. Mein Bruder stemmte, gemeinsam mit unserem Onkel, alles Organisatorische. Auch besaß er die Fähigkeit, uns aufzuzeigen, dass Papa jedem Einzelnen von uns einen ganz persönlichen Abschiedsmoment geschenkt hatte. Das gab mir viel.

Wir (mein Bruder, seine Freundin, mein Onkel, Papas Ehefrau und ich) fuhren am Tag vor der Beerdigung gemeinsam in die Stadt nahe seinem Todesort, um die Urne abzuholen. Das war für mich die schlimmste, aber auch wichtigste Fahrt meines Lebens gewesen zu diesem Zeitpunkt. Wir konnten auf dieser Reise gemeinsam im kleinen Kreis von ihm Abschied nehmen.

In den kommenden Wochen und Monaten zog ich mich sehr zurück und wusste kaum, was ich in Gesellschaft mit mir anfangen sollte. Ich war in solchen Momenten abwesend und wartete nur auf den Moment, wieder gehen zu können.

Ebenso bekam ich Panikanfälle im Supermarkt und ertrug andere Menschen nur schwer. Einige wenige aber taten mir gut.

So zum Beispiel war es mein Bruder, der mir immer wieder versicherte: „Das Leben ist schön. Und wir dürfen das Leben trotz allem weiter genießen und uns daran freuen.“

Dann war da meine liebe Kindheitskollegin, die einfach anrief und sagte: „Ich bin in zehn Minuten bei dir, okay?“ Sie kam, setzte sich auf mein Bett und begann, mir Kindheitsgeschichten zu erzählen, die mich zum Lachen und gleichzeitig zum Weinen brachten.

Sie nahm mich in den Arm und gab mir das Gefühl, dass es in Ordnung war zu lachen, auch wenn es sich so falsch anfühlte. Dieses Lachen wird für immer in meinem Herzen bleiben.

Das Gleiche schaffte mein Kollege in einem Zeltlager, welcher ein sehr enger Freund geworden ist, auf seine Weise. Er wurde nicht müde, mich eine Woche lang mit Faxen, Grimassen und Schrägheiten herauszufordern, bis ich irgendwann die Mauer einreißen ließ und von Herzen lachen musste.

Wie aus diesen Zeilen unmissverständlich herauszulesen ist, haben diese Menschen mein Herz erreicht, welches sich für mich so erstarrt anfühlte.

Was mir gar nicht half, waren Menschen, die mir Nachrichten schrieben und mich fragen, ob sie irgendwas für mich tun könnten. Ich wusste selbst kaum was mit mir anzufangen, geschweige denn, was mir helfen könnte. 

Und dann gab es auch Menschen, die es mir erschwerten, mit dem Schmerz umzugehen. Die Frau meines Vaters sagte mir wiederholt, dass sie nur wegen mir am Leben geblieben sei, weil ich sie noch bräuchte.

Das setzte mir enormen Druck auf und erfüllte mich mit Angst und der Verpflichtung, ihr zu zeigen, wie sehr ich sie brauchte, damit sie sich nicht auch noch das Leben nahm. Dafür hätte ich mich verantwortlich gefühlt. Ich rechnete täglich mit einem Anruf, der mich über ihren Tod informierte, weil ich sie zu wenig gebraucht hatte.

Später begann sie mir immer wieder heftige Beschuldigungen an den Kopf zu werfen, meist per WhatsApp-Nachricht. Einmal las ich eine solche in der Pause bei der Arbeit und es überkam mich ein solch heftiger Tränenausbruch, dass meine Chefin mit mir auf einen Spaziergang gehen musste.

Zu dieser Zeit hatte ich gerade mein Studium an der Pädagogischen Hochschule abgeschlossen und befand mich im zweiten Zwischenjahr danach, weil ich mich nicht bereit fühlte zu unterrichten und eine eigene Klasse zu führen. Deshalb machte ich Stellvertretungen und arbeitete von Zeit zu Zeit in einer Fensterfabrik in der Verpackungsabteilung, was mir mental sehr guttat.

Auch meine Mutter ließ keine Gelegenheit aus, mir mitzuteilen, wie abhängig ihr Wohlbefinden von meinem Verhalten war. Täglich teilte sie mir mit, dass sie am besten auch von der Brücke springen sollte. Ihr Leben sei ohnehin viel zu schwer und mache keinen Sinn. Natürlich fühlte ich mich komplett verantwortlich dafür, ihr das Gegenteil zu beweisen. Aber bei den kleinsten Fehltritten wurde jeweils all die Beziehungsarbeit wieder auf unter Null zurückgeworfen.

So war es schon immer gewesen, aber in der Zeit nach dem Suizid meines Vaters ging es dabei für mich gefühlt um Leben und Tod in Bezug auf meine Mutter. Traf ich die falschen Personen oder zeigte meine Trauer zu sehr, bekam ich kompletten Kommunikationsentzug und Eiseskälte sowie tiefen Hass zu spüren.

Oft fand ich mich in einem Heulkrampf wieder, da ich mich als sehr schlechter Mensch empfand und nicht mehr wusste, wie meine Welt noch zu retten war. Auch dass ich langsam selbständiger wurde und mir überlegte, mit dem Antritt einer festen Arbeitsstelle in eine eigene Wohnung zu ziehen, machte meine Mutter rasend.

Foto: Martin Steger

Mit sehr viel Unterstützung von wenigen Menschen, welche mich sehr stärkten, schaffte ich diesen Schritt aber, obwohl ich ihn tags darauf fast wieder rückgängig gemacht hätte vor schlechtem Gewissen. Doch nach drei Tagen in meinen eigenen vier Wänden wusste ich, dass jetzt die Reise begann auf dem Weg zu mir selbst und meiner inneren Heilung.

Nach einem Jahr Verstecken meiner Trauer konnte ich diese nun hervorholen und ihr Stück für Stück Raum geben.

In dieser Zeit wurde ich Teil einer Läufergruppe und das Rennen rettete mich. Dies war ein Raum, den nur ich betrat. Kein anderer Mensch aus meiner Familie konnte Teil davon sein. Es ging nur um mich und ich war dankbar für jedes einzelne Training und was ich leisten und lernen durfte durch meinen Trainer. Ich konnte Stärke und Selbstbewusstsein gewinnen und Emotionen loslassen. Das Fokussieren eines Zieles beim Training half mir täglich enorm.

Von einer Läuferkollegin wurde ich an die Schwiegertochter meines Trainers verwiesen, welche eine Probepatientin für ihre Ausbildung als Systemischer Coach brauchte. Das war eine sehr spannende Sache und ich versuchte, mich darauf einzulassen, auch wenn es mir sehr schwerfiel. Dennoch konnte ich viel Mut und Stärke daraus ziehen.

Es dauerte noch weitere fünf Jahre bis ich mich entschloss, eine Psychotherapie anzutreten. Dies auf Hinweis meiner Frauenärztin. Erst da gab ich zu, wie verhärtet ich war und dass ich dies ändern wollte. Ich konnte keine Menschen an mich heranlassen, sowohl emotional als auch körperlich.

Diese Menschenangst hat sich nach dem Tod meines Vaters sehr intensiv entwickelt. Händeschütteln und Umarmungen waren für mich ein Graus und wendete sich eine Person aus irgendeinem Grund von mir ab, ließ mich dies meist kalt. Nur Angriffe, die meine Persönlichkeit betrafen, warfen mich jeweils komplett aus der Bahn.

Die Therapie brachte mich in großen Schritten weiter und trotz meiner zeitweisen Verweigerung konnte ich vieles aufarbeiten und neu einsortieren, was ich in irgendwelche Schubladen gesteckt und verschlossen hatte.

Während des Jahres bei meiner Therapeutin entschloss ich mich zu einem Auslandeinsatz in Kambodscha, wo ich bereits zwei Jahre zuvor schon einmal gewesen war. Ich unterschrieb die Stelle als Englischlehrerin für ein Jahr.

Hier befinde ich mich nun und kann noch einmal ganz neu und nur für mich alles aufarbeiten, was ich in meiner Heimat durch einen Alltag, der mit Arbeit und Training gefüllt war, überdeckt hatte.

Auch heute noch ist mein Bruder ein wichtiger Ankerpunkt für mich. Er hat mir über die Jahre immer wieder gezeigt, dass er mich von Herzen gerne hat und ich mich nicht dafür anstrengen muss, damit ich gemocht werde.

Auch meine Entscheidung, diese Geschichte zu teilen, unterstützt er sehr, was mir enorm wichtig war. Mit vielem muss man allein umgehen lernen, aber es ist stärkend, dass wir damit gemeinsam unserem Vater Ehre geben und uns gegenseitig unterstützen auf unseren individuellen Wegen im Umgang mit der Trauer.


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One Reply to “„Das Rennen rettete mich“”

  1. Eine berührende Geschichte, vielen Dank dafür.
    Trotz der Trauer gibt es auch wieder Hoffnung, Mut, ein Aufblicken und letztlich einen Blick nach vorne!

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