Blattwenden fragt: Béa Beste von „Tollabea“

Foto: Malina Ebert  / https://www.malinaebert.com/

„Ich kann beides: Unendlich traurig sein UND die Trauer weghüpfen.“

Das Leben macht ihr einfach Spaß: Béa (Jahrgang 1968) betreibt den bunten Familienblog Tollabea.de und schreibt Bücher zum Thema Co-Learning. Denn Lernen macht ihr Freude, aber ihre Liste ist noch viel länger: „Sprachen, Kochen, gut essen, Malen, Zeichnen, Schreiben, mit Menschen interagieren, schöne Beziehungen, spannende Gespräche, mit Kindern spielen, Reisen, Sport, Tanzen, Sex, das Meer, die Berge, Blumen, der Geruch von Kaffee, der Geschmack von Kaffee, ne frisch gemähte Wiese, Ausschlafen, Sonnenuntergänge, spannende Stadttouren, volle Cafés… (ist ja gut, ich höre schon auf.)“

Wenn Béa eben eines gut kann, dann gute Laune. Warum wir sie zum Thema Trauer befragt haben? Weil auch sie Suizidhinterbliebene ist. In ihrem Blog schreibt sie, wie es war, als ihre Mama sich das Leben nahm: https://www.tollabea.de/wie-meine-mutter-starb-suizid/

Worüber warst du in letzter Zeit traurig?

Über den Krieg in der Ukraine und was den Menschen dort widerfährt. Und auch das, was den Menschen in Russland widerfährt, die dagegen sind…

Über den Konflikt, den meine Tochter mit ihrem Vater hat, und er wiederum mit seinem 90-jährigen Vater.

Über den Muskel, der beschädigt wurde bei meiner Strahlenbehandlung gegen den Brustkrebs und der mir jetzt Schulterschmerzen beschert.

Wie macht sich Trauer bei dir bemerkbar? Wie fühlt sie sich an?

Herz zieht sich zusammen… manchmal muss ich auch ein wenig weinen.

Wenn Trauer ein Tier oder eine Farbe wäre, wie würdest du es oder sie beschreiben?  

Grau-Lila, ein kratzender, aber irgendwie auch weicher Handschuh, der versucht, mich zu ergreifen und zu lähmen …

Fast jeder kennt Abschiedsmomente: Wovon musstest du dich verabschieden?

Von meiner Mutter und dem Land, in dem ich aufgewachsen bin.

Von meiner ersten Ehe.

Von einem Studium, das für mich nicht passend war.

Von einem von mir gegründeten Unternehmen und damit von einem genialen Team.

Von einem vollkommen gesunden Ich… Ich hatte im Oktober 21 eine Brustkrebsdiagnose.


Wie hat sich durch den Abschied dein Lebensblatt geändert? Was ist heute anders als vorher?

Es haben sich für mich neue Möglichkeiten eröffnet, die größtenteils mehr Vor- als Nachteile hatten.

Was hat dir beim Trauern besonders geholfen?

Liebe Menschen, die mich in den Arm nehmen, gute Gespräche, ne Runde heulen und dann aber ziemlich zügig aus dem Warum-Ich-Selbstmitleid rauskommen und den Handlungsspielraum gestalten.

Mir Gutes tun: Reisen, gutes Essen, Massagen, neuer Haarschnitt, Sport … all das, was mir besonders Spaß machen.

Was ist für dich ein absolutes No-Go im Bereich Trauern?

Keine Verantwortung zu übernehmen und alles Schlechte auf andere zu schieben.

Mich zu betäuben (z. B. mit Alkohol… hahaha, vertrage ich gar nicht, da sagt mein Körper schnell eh nein).

Rache – das ist wie Gift trinken und erwarten, dass ein anderer daran stirbt.

Gewalt.


Was war das Grauenvollste in deiner Trauerreise?

Das menschenverachtende kommunistische Regime in Rumänien unter Ceausescu, in dem ich aufgewachsen bin.

Was hilft dir beim Innehalten und Ausruhen?

Frische Bettwäsche und ein Schlafzimmer mit Meerblick.

Eine Dachterrasse über den Dächern.

Meeresrauschen und -wellen.

Natur, Berge, Wasserfälle.

Buntes Gemüse, ein richtig scharfes Messer, eine Pfanne, Olivenöl, Gewürze …

Wie hast du dich wieder geerdet, dein Leben neu ausgerichtet?

Geerdet? Ist nicht so mein Ding. Ich habe eher meine boing-boing-boing Flummi-Eigenschaften genutzt, um in neue Abenteuer zu hüpfen.

Es tut mir ehrlich leid, falls das pietätslos für andere rüberkommt. Ich rede über mich und wie ich mit Trauer umgehe. Und habe von niemanden sonst, auch nicht mal von mir, in einer neuen Situation selbst die Erwartung, dass es (wieder) so unbeschwert sein muss. Da aber die Frage retrospektiv zu beantworten ist, bin ich ehrlich und authentisch über das, was mir gutgetan hat.

Ich habe oft reflektiert, ob das Verdrängung ist, und habe mich mehrfach mit dem Geschehen auseinandergesetzt, mit dem Ergebnis: Nein, ich verdränge nicht. Ich kann beides: Unendlich traurig sein UND die Trauer weghüpfen, raus tanzen und sie mit tausend guten Eindrücken und Gefühlen überschreiben.

Woran hast du gemerkt, dass dein Leben jetzt wieder grünt?

Mein Leben hat zu jedem Zeitpunkt gegrünt, auch mitten in der Trauer.


Hilft dir der Glaube bei Abschiedsmomenten? Wenn ja, wie?

Ja, der Glaube, dass mir schon eine Lösung einfällt für jedes Problem.

Findest du Trost in der Natur? Wenn ja, wo am meisten?

Na klar! Am Meer, in den Bergen … am liebsten da, wo es über 25° warm ist.

Nutzt du Kreativität, um Belastendes zu verarbeiten? Wenn ja, wie machst du das?

Klar: Ich male, zeichne, koche, gestalte.


Welches Buch kannst du empfehlen, wenn es um Abschied und Neubeginn geht?

„Die Glücksformel“ von Stefan Klein

„Survivor Club“ von Ben Sherwood

„Daring Greately“ von Brené Brown

Was ist dein persönlicher heißer Tipp für andere beim „Blattwenden“ in Umbruchphasen?

Einfach sich Fragen stellen statt Statements: https://www.tollabea.de/kleiner-autosuggestiv-trick/

Also nicht: „Ich kann nicht…“, sondern: „Wie kann ich…?“

Wenn du nur eine Botschaft an die Nachwelt senden könntest, was wäre das?

Die Welt ist schön, das Leben ist schön – lasst uns sie bewahren und wertschätzen. Und das mit Spaß dabei!

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