Von fliegenden Urnen

Manchmal denke ich, ich bin in der Matrix. Der Lütten Locke werde ich später mal erklären, was das ist. Wer das jetzt nicht weiß beim Lesen, frage bitte Tante Google nachdem gleichnamigen Film. Mein Leben erscheint mir jedenfalls oft so absurd oder so geplant, als hätte es sich ein Geschichtenerzähler ausgedacht. Bei der Beerdigung meines Vaters zum Beispiel.
Da gehen wir hinter dem Förster her, der die Urne zum Waldrand trägt. Meine Mutter, meine Tochter und meine Schwiema, die Mama von Markus. Der Wikinger schiebt den Bruder meiner Mutter, der – welch Ironie – seit letztem Jahr wegen eines Motorradunfalls im Rollstuhl sitzt. Im Gegensatz zu Markus hat er aber noch ein funktionsfähiges Bein und wird den Rolli bald gar nicht mehr brauchen, wenn mit der Prothese alles klappt.
Da sind wir also wieder eine Art Krüppelfamily. Und tragen wieder einen Vater zu Grabe. So sagt es auch die Lütte Locke im munteren Plauderton: „Jetzt werde ich bald sechs und habe schon zwei Beerdigungen erlebt. Das ist mal was, oder?“ Da die Lütte Locke schon seit ihrer Geburt ein ordentliches Organ hat, hört es vermutlich die halbe Trauergesellschaft hinter uns. Die meisten schweigen, manche müssen schmunzeln und ich sage fast ebenso alltäglich: „Ja, du bist ein richtiger Trauerprofi für dein Alter.“ Die Schwiema setzt noch eins drauf und fügt an: „Ach, als ich so alt war wie du, hatte ich auch schon ein paar Bestattungen hinter mir.“
So ist das bei uns. Eine Familie, die sich gut auskennt mit Verlusten und Veränderungen.

Auch wenn der Galgenhumor uns schon oft den Arsch gerettet hat, sterben mit dem Tod nicht automatisch unsere Gefühle. Im Gegenteil. Denn natürlich reißt solch ein Tod in der Familie wieder gerade frisch vernarbte Wunden auf. Nicht nur bei mir, auch bei der Lütten Locke. Genauso wie Erwachsene trauern auch Kinder in Wellen.

Die Trauer kommt nicht geplant, sie ist wie die See von Ebbe und Flut, von Wind und Flaute abhängig. Manchmal spürt man sie nahen, manchmal erwartet man sie – und sie bleibt dennoch aus. Manchmal überfällt sie einen wie ein Tsunami.

Bei der Lütten Locke kam nach dem Tod ihres Opas erst mal Flaute. Wenige Wochen nach der Waldbestattung ist sie mit dem Wikinger zu einer Vater-Kind-Kur gefahren. Auch das ist übrigens wieder so eine kuriose Geschichte, bei der ich mich frage, ob es die Matrix nicht vielleicht doch gibt. Denn ich habe keine Kur genehmigt bekommen – der Wikinger schon. Und das, obwohl er nicht der offizielle Vater der Lütten Locke ist. Was ich ziemlich cool finde. Denn er ist ja voll und ganz, vor allem aus Sicht der Lütten Locke, ihr Papa. Oder neuerdings „Papi.“
In der Kur aber wird die Lütte Locke krank. Eigentlich war sie das schon seit dem Tod ihres Opas. Eine Art Dauererkältung, aber nicht wirklich schlimm. In der Kur dann, alleine mit Papa, kommt der ganze Mist raus. Und hält auch nach der Kur für einige Wochen an. Mittlerweile ist sie wieder fit, aber dass dieses ansonsten so robuste Kind jetzt mal so wirklich krank ist und das über mehrere Wochen, lässt uns grübeln. Und nachfragen. Und nach und nach kommt raus, dass sich das Kind einsam fühlt. Weil sich so Vieles verändert hat. Trauer in Miniwellen auf Endlosschleife.

Es ist nicht nur, weil ihr Opa gestorben ist und die Oma jetzt so traurig ist. Diese Traurigkeit bei Oma und natürlich auch bei mir erinnert die Lütte Locke an die Traurigkeit, die wir gefühlt haben nach Markus´ Tod. Doch damals hatte sie noch keine Worte dafür. Damals tat ihr meistens nur ihr Fuß weh. Auch weil sie gewachsen ist, aber im jüngeren Alter können Kinder noch nicht benennen, was sie schmerzt in der Seele. Dann kommt ihnen manchmal ihr Körper zur Hilfe. Wenn das geschah, versuchte ich mit der Lütten Locke herauszufinden, was ihr innerlich weh tat.
Heute sagt sie: „Bei der Beerdigung von Papa Markus war mir so kalt. Innen drin. Und es war keiner da, der mich gewärmt hat.“ Das als Mutter zu hören, tut verdammt weh. Denn klar habe auch ich damals getrauert und konnte deshalb nicht so für sie da sein, wie ich es gerne gewollt hätte. Das ist einer der Gründe, warum ich noch lange wütend auf Markus war. Weil ich wegen seines Suizids nicht nur ihn, sondern auch meine Tochter ein Stück weit verloren habe. Als Beraterin wusste ich, dass ich nicht ewig durchhalten kann, und habe versucht, die Lütte Locke, so gut es ging, aufzufangen. Ich habe ihr Paten zur Seite gestellt und versucht, weitere Bindungspersonen für sie zu finden, weil nicht nur ihr Papa von jetzt auf gleich weg war, sondern teilweise auch ich.
Es war scheiße. Einfach nur scheiße. Nicht die Mutter sein zu können, die ich gerne gewesen wäre. Nicht nur, weil ich selbst getrauert habe, sondern weil ich danach über Wochen und Monate hinweg diesen ganzen Scherbenhaufen aus Suizid und Schulden abarbeiten musste. Ich habe versucht, mir Pausen oder Auszeiten einzubauen, um dann wenigstens etwas länger durchzuhalten, um dann auf lange Sicht eine Konstante für die Lütte Locke zu sein. Leider ist mir das nicht immer gelungen. Zumindest nicht bei der Seebestattung von Markus.

Seltsamerweise sagt sie heute aber nicht: „Mama, warum hast du mich nicht gewärmt?“ Sie sagt: „Papi, warum warst du damals noch nicht da? Warum bist du noch nicht mitgefahren auf dem Schiff?“ Da helfen auch die sachlichen Argumente nicht, dass wir den Wikinger damals noch nicht kannten. Sie hätte sich einfach gewünscht, dass er da gewesen wäre. Weil sie mir ja keinen Vorwurf machen kann. Weil ich ja auch traurig war. Deshalb muss der Wikinger herhalten für alles, was ihr weh tut. Erst gestern Morgen noch, da war er Schuld daran, dass sie so früh aufstehen musste. Weil er ja so früh zur Arbeit fahren muss.
Denn auch das hat sich geändert. Etwa zur selben Zeit als mein Vater erkrankt ist, hat der Wikinger eine neue Stelle begonnen. Und damit hat sich unser Alltag stark verändert. Seitdem die Lütte Locke den Wikinger kennt, war er für sie da. Vielleicht sogar mehr als ich. Besonders in der Zeit, in der ich wirklich nicht mehr konnte, war er ihre Konstante. Weil er selbstständig war und von zuhause gearbeitet hat, war er eigentlich rund um die Uhr für sie verfügbar. Er hat sie aus dem Kindergarten abgeholt, ist mit ihr zum Reiten, Schwimmen, Spielen gegangen.
Und jetzt ist nicht nur ihr Opa gestorben und mit seinem Tod alle Erinnerungen wieder da, jetzt ist auch der zweite Papa weg. Besonders nach der Kur, wo sie drei Wochen lang zusammen waren. Jetzt haben sie nur noch den Morgen und den Abend miteinander und die Wochenenden. Das wird sich zwar nach Ende der Probezeit ändern, weil dann wieder mehr Homeoffice möglich ist – aber jetzt gilt bei der Lütten Locke nur: Papa ist nicht mehr da. Und mit diesem Verlustgefühl kommt der ganze Frust und die ganze Trauer aus der Zeit nach Markus´ Tod endlich raus. Der arme Wikinger, er muss den Mist aufräumen, den Markus hinterlassen hat. Und das nicht zum ersten Mal.

Doch es wird besser. Die Lütte Locke erlebt jeden Tag neu: Papa kommt zurück. Und sie erlebt, dass Mama nicht schwach ist. Okay, auch mein Immunsystem hält den Kindergartenkillerbazillen nicht auf Dauer Stand. Ich bin in den letzten Wochen auch mehrfach krank gewesen und der Schlafmangel macht mir zu schaffen, weil die Lütte Locke solche Gefühlsnachbearbeitungen am liebsten nachts durchkaut, aber grundsätzlich bin ich für sie da. Und nicht umgekehrt. Wenn die Lütte Locke mich braucht, erfährt sie: Mama ist da. Papa ist da. Endlich kann sie nachtrauern.
Das hilft ihr auch, besser vom Kindergarten Abschied zu nehmen. Damals, nach Markus´ Suizid, hat sie im Kindergarten eine starke Bindung zu ihren Erzieherinnen aufgebaut. Sie hat dort in der schlimmsten Krise ein sicheres Nest gefunden und dafür bin ich sehr dankbar. Heute, fast drei Jahre später, muss sie sich langsam davon verabschieden. Sie freut sich riesig auf die Schule und langweilt sich eigentlich schon das gesamte Kindergartenjahr, aber wegen ihren Erziehern fällt ihr der Abschied schwer. Sie kann es kaum ertragen, dass ihre einstigen Bezugspersonen jetzt von anderen, von kleineren Kindern mehr gebraucht werden. Und arbeitet sich auch an den Erziehern ab. Ähnlich wie bei mir und dem Wikinger hat sie dort eine Person zum Kuscheln und Anlehnen und eine Person zum Meckern und Auflehnen.

Aus der Sicht der Lütten Locke wird sie von allen verlassen: Die Erzieherinnen konzentrieren sich auf die neuen Kinder. Papa ist den ganzen Tag bei der Arbeit. Mama arbeitet auch wieder. Oma trauert. Und Opa ist gestorben.

Deshalb braucht sie gerade ganz viel Mama. Und die bekommt sie auch. Auch wenn ich arbeite. Auch wenn ich krank bin. Dieses Mal ist es anders. Dieses Mal arbeite ich nur. Dieses Mal bin ich nur ein paar Tage krank. Ich bin nicht gedanklich vollkommen weg und ich bin nicht zutiefst erschöpft. Die Lütte Locke lernt langsam den Unterschied von damals und heute.

So können wir beide die Zeit etwas nachholen, die wir nach Markus´ Suizid verloren haben. Besonders jetzt zur Passions- und Osterzeit. Eine Zeit, in der wir uns neu darauf besinnen können, wie man auferstehen kann. Wie nach dem Tod das Leben zurückkehrt.
Zu Ostern gehört aber auch Schmerz. Ich habe geahnt, dass der Kummer und die Verwirrung und die Einsamkeit auch bei der Lütten Locke nachkommen. Und ich rechne damit, dass es in den nächsten Jahren immer mal wieder passiert. Es tut mir weh, dass dieser kleine Mensch schon so früh so viel aushalten musste. Doch ich kann es nicht ändern. Es war und es ist. Ich muss es – genauso wie Markus´ Suizid – akzeptieren und versuchen, etwas Neues daraus wachsen zu lassen.
Das gelingt mir meistens, aber nicht immer. Manchmal packt es mich noch und ich fühle so eine Mischung aus wütend und müde, dass fast drei Jahre nach Markus´ Entscheidung, sein Leben zu beenden, unser Leben dadurch immer noch so sehr bestimmt wird. Mir geht es sehr viel besser – deshalb kann die Lütte Locke das jetzt auch endlich nachholen – aber ich empfinde dieses Nachtrauern jetzt fast anstrengender als die erste Zeit nach dem Suizid. Damals war ich wenigstens noch im Funktionsmodus und stark gepanzert. Da habe ich das alles an mir abprallen lassen. Jetzt fühle ich wieder, genauso wie die Lütte Locke, und bin weich und empfindsam. Und dann tut es einfach nur weh. Das ist Mist. Aber es ist.

Ich weiß deshalb nicht, ob wir, wie die Lütte Locke das so formuliert, stolz darauf sein können oder sollten, dass wir eine Art Profis im Trauern sind und immer mehr werden. Aber wir können versuchen dankbar zu sein. Ein Teil von mir ist es zumindest. Auch wenn ich den Tod grundsätzlich immer noch kacke finde, herrscht zwischen uns Waffenstillstand. Ich kann ihm ja ohnehin nichts entgegensetzen. Ich muss mit dem Tod leben. Bis ich selbst irgendwann sterbe. Bis sich andere von mir verabschieden müssen. Etwas, wovor die Lütte Locke sehr große Angst hat.

Doch bis dahin bin ich dankbar, dass die Trauer uns immer wieder hilft, ins Leben zurückzufinden. Auch wenn die Wellen schmerzen – sie sind so ähnlich wie Wehen: Sie bringen uns Stück für Stück dem Ziel näher. Irgendwann erreichen wir das Festland. Irgendwann haben wir festen Grund unter den Füßen.

Die Lütte Locke und ich, wir sind gerade dabei. Wir betreten neues Land. Ich bin gespannt, was uns dort erwartet. Ich hoffe, es wird eine gute Variante der Matrix. Zur Abwechslung wäre das mal eine schöne Geschichte. Es muss ja keine Schnulze sein, kein Rosamunde Pilcher-Roman, aber bitte auch kein Armageddon. Einfach nur ein schnödes Happy End. Meinetwegen auch ein verrücktes, absurdes. Das würde immerhin zum ersten Teil meines Lebens passen.

Wie bei der Beerdigung meines Vaters, als ich die Urne meines Vaters an mich gepresst durch den Wald bis zur Grabstelle getragen habe. Es war merkwürdig schön. Und so gar nicht unheimlich. Es war ein gutes Gefühl, meinen Papa noch einmal im Arm zu halten. Auch wenn es nur seine Asche war. Mein Vater mochte Umarmungen, stellte sich dabei aber immer etwas linkisch an, weil er sie wenig erlebt hat als Kind.
Denn auch sein Vater ist gestorben, als er so alt war wie die Lütte Locke. Auch er musste viel mit sich selbst ausmachen, weil mit dem Tod seines Vaters auch seine Mutter weg war. Auch sie blieb auf einem Berg Schulden sitzen, weil der Vater gerade einen hohen Kredit für seine Schreinerwerkstatt aufgenommen hatte. Sie musste von da an jeden Tag viel arbeiten und mein Vater und seine Schwester wuchsen die erste Zeit fast nur bei den schon betagten Großeltern auf.
Auch das ist wieder so ein Matrix-Ding. Dass sich in unserer Familie solche Erfahrungen über Generationen hinweg wiederholen. Ich höre jetzt schon einige Überfromme das Wort „Erbsünde“ flüstern, aber das ist es nicht. Es ist die Summe aus Entscheidungen, die manchen Familien innewohnen. Die ihnen vertraut sind und die sie oft unbemerkt weitergeben. Ich hoffe, dass ich der Lütten Locke vielleicht anderes weitergeben kann. Kreativität, Liebe, Gerechtigkeitssinn, Verantwortungsgefühl. Und Fantasie und Humor.

Denn wie ich da so mit der Urne der Trauergesellschaft voranschreite, über die Baumwurzeln hinweg, stelle ich mir vor, wie ich über eine dieser natürlichen Barrieren stolpere, die Urne im hohen Bogen durch den Wald fliegt und die Asche meines Vaters sich dabei über der gesamten Trauergesellschaft niederlässt. Das hätte ihm vielleicht noch gefallen. Er mochte es, im Mittelpunt zu stehen. Ein anderer Teil von ihm wollte aber auch anderen gefallen und deshalb wäre das keine gute Idee gewesen. Es ist auch nicht passiert.
Dafür habe ich aber seine Urne mit einem – für mich sehr lauten – Wumms ins Grab fallen lassen. Nicht absichtlich natürlich, aber wie ich eben manchmal so bin, etwas unkoordiniert. Dabei habe ich vorher extra noch die Fäden zum Herunterlassen ins Grab fest aus der Urne herausgezogen, damit mir das nicht passiert. Tja, was soll ich sagen? Mein Vater war eben etwas schwerer als andere Menschen.
Das habe ich gedacht und die Lütte Locke hat es später ausgesprochen. Soviel zum Thema Galgenhumor. Bei dieser Beerdigung hat sich die Lütte Locke jedenfalls nicht innerlich kalt gefühlt. Sie hatte den Wikinger und sie hatte mich. Immerhin eine Geschichte mit einer Art absurdem Happy End.

Auch wenn es im Leben nach dem Happy End immer noch weitergeht. Mit der Trauer ist es noch nicht vorbei. Doch ich hoffe weiter auf das neue grüne Hoffnungsland da irgendwo für die Lütte Locke, den Wikinger und mich. Ich hoffe auf die Auferstehung. Gerne auch merkwürdig und abstrus. Hauptsache gut und mit weniger Tod.
Haste gehört, Geschichtenerzähler? Wäre das machbar?

3 Replies to “Von fliegenden Urnen”

  1. Liebe Nicole ,
    vielen lieben Dank für deine einzigartigen und wahren Geschichten , die mich echt im tiefsten Inneren berühren . Bin heute durch einen Beitrag bei ,, unendlich geliebt “ auf diese Seite gestoßen .
    Ich glaube , dass du deine Beiträge mal in einem Buch zusammen fassen solltest .
    Es würde glaube ich vielen Menschen helfen .

    Liebe Grüße und Gott befohlen

    Christine

  2. Es ist einzigartig,tiefgründig,spannend mit Deinem
    typischen Humor .Kann mich so gut hineindenken
    habe selbst als Kind viel Trauer erlebt.

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