Die Decke vom Schweden

In Lütte Lockes Zimmer gibt es eine Menge Tiere, die vom Schweden kommen. Ich mag Schweden. Nicht nur wegen der Elche und Bären. Auch wegen der Wikinger und ihrer Kultur. Wegen der Menschen, so offen und gleichzeitig nüchtern. Wegen dieser Natur, den Wäldern, der Seen, und wegen dieses besonderen Lichts. Ich war einmal da, in Schweden. Vor vierundzwanzig Jahren. Damals war die Welt noch in Ordnung, wie man so blöd sagt. Denn natürlich ist sie nie in Ordnung. In irgendeinem Menschenleben herrscht immer das Grauen. Aber zu dem Zeitpunkt, in Schweden, gab es in meinem Leben noch kein Grauen. Zumindest kein großes.

Es roch nach Holz von der Blockhütte und nach Stroh und Heu, das die Sonne tagsüber erwärmt hatte. Nachts kämpften wir mit Moskitos, die Luft war lau, die Haut kalt vom trockenen Schweiß. Tagsüber schwammen wir durch die kleine Bucht und trockneten uns auf den riesigen Felsen am See. Ich war fünfzehn und mein einziges Problem bestand darin, meine Brille reparieren zu lassen, auf die jemand an meinem ersten Tag dieser Sommerfreizeit getreten war.

Mein persönlicher Brillenreparateur war Markus. Damals noch Jugendleiter und zu Fuß unterwegs, für ziemlich verrückte Späße zu haben, und trotzdem verantwortungsbewusst – wenn es zum Beispiel darum ging, eine Brille zu reparieren, ohne Hilfsmittel. Die gab es erst ein paar Kilometer entfernt im nächsten Ort, also befestigte er die Bügel meiner Brille mit Tesafilm am Gestell und verschmolz das Tesafilm mit einem Feuerzeug. Fertig. Zumindest bis zum nächsten Morgen.

 

Dieser Sommer war ein Jahr vor Markus´ Motorradunfall und seiner Querschnittslähmung. Es war ein Sommer ohne großartige Sorgen. Auch wenn unsere Teenagerprobleme uns damals riesig vorkamen und jeder von uns Träume und Ängste vor der Zukunft hatte. In Schweden lag alles noch vor mir, alles war möglich. Seitdem war ich nie wieder dort. Und seit Markus´ Tod ist das Grauem auch beim Schweden eingezogen.

Wenn ich heute vom Schweden rede, meine ich die große Möbelhauskette. Als Markus noch lebte, waren wir oft da. Es war nicht wie damals am See, aber es hatte zumindest eine Spur von Freiheit – denn beim Schweden war alles barrierefrei und der Rolli kaum ein Problem. Beim Schweden konnte man zeitweise das Gefühl haben, in einem perfekten Zuhause zu sein. Oder zumindest davon zu träumen. Wenn in unserem alten Landhaus mal wieder die Töpfe voll waren vom Regen, den der Sturm mal wieder durchs Dach gedrückt hatte, sind wir dahin geflohen, zum Schweden.

Die Lütte Locke liebt das auch. Gestern hat sie mich noch gefragt, ob wir mal wieder dahin fahren, zum Schweden. Weil man da so viel spielen kann. Überall gibt es etwas zu entdecken. Und natürlich spekuliert sie darauf, dass sie wieder ein Kuscheltier adoptieren kann. Die Lütte Locke liebt ihre Stofftiere. Ich sage dann, dass wir das bestimmt irgendwann wieder machen. Und meine damit, dass ich hoffe, dass ich das noch lange hinauszögern kann. Denn Markus´ Suizid hat mir auch den Schweden genommen.

 

Es fällt mir schwer, wieder in dieses Grauen zu sehen, mich zu erinnern. Doch ich denke, ich muss. Damit ich sie nicht vergesse, diese Fratze des Grauens. Wenn ich mir mal wieder Sorgen um Nichtigkeiten mache, zum Beispiel. Eine Facette des Grauens sah so aus, dass wochenlang nach Markus´ Tod Insolvenzschreiben ins Haus flatterten. Manche konnte ich schnell klären, indem ich Markus´ Todesanzeige hinschickte und ihnen klar war, dass sie keine Leistung anmahnen konnten, die derjenige nicht mehr in Anspruch nehmen konnte, weil er ja nicht mehr lebte. Das kennen sicherlich viele Hinterbliebene.

Doch da waren auch die anderen. Die vier oder fünf Kreditkarten, oder waren es noch mehr? Diese Kredite, von denen ich erst nach Markus´ Tod erfuhr. Die er im Laufe der letzten sieben Jahre aufgenommen hatte, ohne dass ich davon wusste. Einen Kredit nach dem anderen, um die ersten kurzfristig zu bezahlen. Jedem, der klar denken kann, wird bewusst sein, dass das nicht lange funktioniert. Was ein Hinweis darauf war, dass Markus in bestimmter Hinsicht nicht mehr klar denken konnte.

Zum Glück hatte er bei fast allen Anbietern eine Restschuldversicherung abgeschlossen, die dann auch nach seinem Tod den Kredit getilgt haben. Doch leider nicht bei allen. Ich musste beide Autos verkaufen, um die finanziellen Löcher zu stopfen. Und diese Finanzklärungen haben sich über Monate hingezogen. Ich hatte keine Zeit zum Trauern, ich musste um mein Leben kämpfen. Und um das von Lütte Locke. Letztendlich konnte ich alle Forderungen klären – bis auf die des Schweden. Denn Markus hatte auch beim Schweden eine Kreditkarte.

 

Ausgerechnet der Schwede akzeptierte die Restschuldversicherung nicht und bestand darauf, dass ich und Lütte Locke als Erben die Schulden abzahlen sollten. Ich will keinen großen Spannungsbogen aufbauen: Wir hatten das Glück, einen großartigen Anwalt zu bekommen, dem es gelang, einen Vergleich auszuhandeln. Den ich Dank einiger Unterstützung auch zahlen konnte.

Doch auch das dauerte Monate. Zuerst wollte die Rechtschutzversicherung den Fall nicht übernehmen; dann hat sie es doch getan. Dann musste der ganze Umstand rund um Markus´ Tod aufgerollt werden. Es musste geklärt werden, ob er freiwillig Suizid begangen hat, zum Beispiel wegen der Schulden, oder aufgrund seiner Erkrankung. Das im Nachhinein stichhaltig zu begründen, ist schwer. Auch emotional. Der Anwalt musste dazu den Bericht der Staatsanwaltschaft einsehen. Darin sind auch Fotos enthalten.

Vor rund einem Jahr habe ich mich entschieden, mir ihn auch anzusehen, ohne Fotos. Vorgestern hatte ich ihn beim Sortieren von Dokumenten wieder in der Hand. Ich habe ihn wieder gelesen. Und darin ist es schwarz auf weiß gedruckt, dieses Grauen. Ich werde noch an anderer Stelle darauf eingehen, was ich denke, was alles dazu beigetragen hat, dass Markus nicht mehr leben wollte. Doch eine Rekonstruktion bildet nie die Realität ab. Wir werden es nie mit Sicherheit wissen, aber was ich in diesem Bericht der Staatsanwaltschaft lesen kann, ist die pure Verzweiflung. Eine ganz dunkle Einsamkeit. Und in der ist er gestorben.

 

Auch wenn er das jetzt nicht mehr ist, wenn Markus jetzt bei Gott geborgen und wieder fröhlich und Fußgänger ist – in dieser persönlichen Hölle ist er gestorben. Wenn ich daran zurückdenke, wenn ich den Bericht lese, dann kann ich einen kurzen Blick in diese Hölle werfen. Ich kann sie spüren. Dieses Gefühl kann ich kaum beschreiben. Aber es raubt einem den Atem, es lässt einen innerlich verfaulen, es gibt kein Morgen mehr, alles ist Schmerz, Angst, Einsamkeit. Dieses Grauen ist mehr als ein Erschrecken in der Geisterbahn. Es ist existenziell.

Und einen Teil davon haben ich und Lütte Locke auch erlebt. Wir erleben die Nachwehen immer noch ein wenig. Das ist auch ein Grund, warum ich mich mit dem Schweden schwer tue. Alles beim Schweden erinnert mich an früher. An den Traum vom sicheren, gemütlichen Zuhause. Einem funktionellen, ordentlich strukturierten Alltag. Letztendlich auch an meine reparierte Brille und diesen Sommer, als alles noch vor uns lag. Doch das gibt es jetzt nicht mehr.

Es gibt andere Sommer. Auch schöne Sommer. Und es wird auch wieder einen Besuch beim Schweden geben. Doch die Unbeschwertheit ist weg. Sie ist mit Markus und seinen Schulden gestorben. Wenn ich heute beim Schweden bin, überlege ich mir dreimal, ob ich etwas wirklich brauche. Früher hatte ich ein festes Budget, für das ich gespart hatte und das ich dann beim Schweden verschleudert habe. Heute habe ich ein Budget für die Lütte, damit sie sich ein Stofftier aussuchen kann. Und für ein Essen mit Köttbullar und Co. Doch Inspirationen für die Einrichtung meines Hauses? Von dem ich immer noch nicht weiß, ob ich es renovieren kann? Ob wir hier wohnen bleiben können? Davon wage ich nicht mehr zu träumen.

 

Vorhin habe ich nach einem grünen Stoff gesucht für ein neues Nähprojekt. Ein Projekt, das in die Zukunft weisen soll. Dabei habe ich auch die Stoffe vom Schweden in der Hand gehabt. Und mit ihnen diese Gefühlsmischung aus Sehnsucht nach einem sorgenlosen Rundumeinkauf zum Einrichten unseres hoffentlich irgendwann renovierten Hauses, und diesem existenziellen Stress und dieser Ohnmacht, die mit jedem Brief des Schweden in mein Haus kamen.

Um an die Stoffe heran zukommen, musste ich auch eine Decke von Markus wegräumen, die er sich extra beim Schweden gekauft hatte, in seinem letzten Winter. Er hatte immer so gefroren und brauchte eine dickere Bettdecke. Ein sündhaft teures Ding. Heute weiß ich, dass er so gefroren hat, weil sein Körper nicht mehr wollte. Auch das habe ich erst in den Dokumenten der Staatsanwaltschaft erfahren. Dass er wieder eine Sepsis hatte. Dass er Wunden hatte, die er vor mir versteckt hatte. Dass seine Blutwerte immer schwächer wurden. Dass er deshalb immer blasser wurde, immer müder. Immer mehr gefroren hat.

Diese Decke verrät heute alles. Nachdem ich den Bezug entfernt hatte, fand ich Wundflecken in der Decke. Nicht wenige. Großflächige hellrote Flecken. Sie sind immer noch da drin. Markus ist fast zwei Jahre tot und in dieser Decke gibt es immer noch Spuren von seinem Körper. Ich weiß nicht, warum ich sie bisher nicht weggeworfen habe. In meinem Kopf taumeln Sätze wie: Sie war so schön warm. Ich habe doch auch viel gefroren seitdem. Und sie war doch erst noch neu. Und so teuer. Und ganz leise flüstert was in mir, ganz da hinten in der Ecke, die keiner sieht, nicht mal ich: Manchmal wünschte ich mir, ich könnte mit dieser Decke einfach alles zudecken. Dieses Grauen. Und mich wieder so fühlen wie damals in Schweden. Als das Licht so durchscheinend freundlich und hoffnungsvoll war. Als alles noch offen war.

Morgen werde ich die Decke wegwerfen.

Nein.

Jetzt gleich.

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