Blattwenden fragt: Hendrik Lind, Gründer von Trosthelden

„Gleich und gleich gesellt sich auch in Trauer gern“

Hendrik (Jahrgang 1972) lebt aktuell noch in der Nähe von Hamburg, ab Juli 2022 dann in Spanien. Er ist einer der Gründer von Trosthelden (www.trosthelden.de), einem Online-Portal, dass Trauernde in ähnlichen Trauersituationen zusammenbringt.

Sein Wunsch in Bezug auf Tod und Trauer: Dass immer mehr Menschen neben dem schmerzlichen Verlust auch die andere Seite der Trauermedaille entdecken, auf der es viele positive Dinge zu entdecken gibt.



Worüber warst du in letzter Zeit traurig?

Wir ziehen im Sommer nach Spanien. Mit diesem Wissen glänzt alles, was in meinem aktuellen, bald alten Zuhause, wahrhaftig ist, besonders hell. So habe ich jetzt neben der Vorfreude große Abschiedstrauer.

Wie macht sich Trauer bei dir bemerkbar? Wie fühlt sie sich an?

Trauer ähnelt der Liebe sehr; sie gehen Hand in Hand: ohne Liebe keine Trauer. Es fühlt sich in etwa so an, wie wenn man draußen im Eiskalten ist und einen ganz tiefen Luftzug nimmt, den Atem anhält und in den Brustkorb spürt: Die Frische geht in den ganzen Körper.

Bei Trauer ist es nicht die Frische, sondern das schwere Gefühl gepaart mit einer ziehenden Sehnsucht. Ich möchte mir mehr und mehr angewöhnen, akute Gefühle und Emotionen nicht zu benennen (und zu be- oder verurteilen), sondern sie zu fühlen.

Fast jeder kennt Abschiedsmomente: Wovon musstest du dich verabschieden?

Ein großer Abschied war der Moment, wo klar war, dass ich durch eine Trennung meine Tochter nicht in meinem Alltag haben werde. Ein anderer großer Moment war der Verlust einer Schwangerschaft.


Wie hat sich durch den Abschied dein Lebensblatt geändert? Was ist heute anders als vorher?

Als Optimist bin ich der Meinung, dass alles Schwere auch sein Leichtes und Gutes hat. Das gilt auch für Trauer. Mein Lebensblatt hat sich dahingehend verändert, dass ich jetzt neue Hilfen entwickle, um Betroffenen den Zugang zu der zweiten Seite der Trauermedaille zu erleichtern.

Was hat dir beim Trauern besonders geholfen?

Es gab eine Trauersituation, die mir von jetzt auf gleich jegliches Vertrauen in Werte und Menschen genommen hat. Es wäre gut gewesen, in dieser Situation jemanden zu haben, der in genau der gleichen Situation steckt. Ich habe damals leider nicht nach dieser Person gesucht. Hätte ich sie gehabt, wäre es mir schneller wieder gut gegangen. Ein Gegenüber mit der gleichen Trauersprache hätte geholfen, mich in dieser neuen Situation neu kennenzulernen.

Was hilft dir beim Innehalten und Ausruhen?

Oft finde ich austoben besser. Laute, gute Musik anstellen und durch die Küche tanzen. Geht allein oder zu zweit oder mit den Kids auch ganz wunderbar.

Wie hast du dich wieder geerdet, dein Leben neu ausgerichtet?

In der Situation, wo ich das Vertrauen in Menschen und Werte verloren habe, hatte ich das Glück, in einer Häusersiedlung im Naturschutzgebiet zu wohnen. Dort habe ich mir in einer akuten Situation mal eine ganze Woche nur für mich genommen. Ich habe keine anderen Menschen getroffen, habe nicht gesprochen, kein Internet und Handy. Zwei Tage Ablenkungsmanöver mit TV, Putzen etc., aber dann ist bei mir der Punkt der Erdungsfindung da. Mit der ganzen freien Zeit ist dann Raum für echten Selbstkontakt und Unternehmungen, die mir guttun.

Woran hast du gemerkt, dass dein Leben jetzt wieder grünt?

Wie eingangs gesagt bin ich Optimist. Und somit sehe ich, dass das Grün immer da ist. Manchmal ist die dazugekommene dunkle Wolke vielleicht so mächtig, dass das Grün kurz nicht zu sehen ist. Aber es ist da. Selbst der Glaube daran hilft!


Hilft dir der Glaube bei Abschiedsmomenten? Wenn ja, wie?

Spätestens seit mapapu, also der Firma, mit der wir Kleidung Verstorbener zu Kuscheltieren verarbeitet haben, weiß ich, dass es gut weitergeht nach diesem Erdenleben. Sehr viele Menschen berichten von „Grüßen von oben“, die in verschiedenster Weise daherkommen. Dieser Glaube hilft mir.

Findest du Trost in der Natur? Wenn ja, wo am meisten?

Ich wohne ja mitten in der Natur und bin somit eh viel draußen. Großartig ist es an einem ordentlichen Lagerfeuer mit passender Musik. Schon mal ein Lagerfeuer für dich allein gemacht?

Nutzt du Kreativität, um Belastendes zu verarbeiten? Wenn ja, wie machst du das?

Eine schöne Übung für Trauermomente – aber auch generell für emotionale Momente – ist, das Gefühl an sich anzusehen. Und zwar ganz ohne die Benennung und oftmals auch anerzogene Deutung, also ohne „Trauer“, „Mitleid“, „Euphorie“ usw.

Vielleicht hilft dieses Bild: Das Meer hat eine Seele. Diese Seele ist Flut genauso wie Ebbe. Bei Flut feiert sie in vollen Zügen das Leben, bei Ebbe schmerzt der Mangel. Beim Einsetzen dieser Ebbe hat sich die Meeresseele entschieden, auf einen Steg zu springen, der vom Land her ins Wasser geht. Von ihrem neuen Standpunkt aus kann die Meeresseele sich nun selbst betrachten. Sie ist das Meer und der Betrachter gleichermaßen. Sie sieht die Flut mit einem neuen Blick – aber auch die Ebbe. Und sie sieht die Schätze auf dem Grund. Wann sind die Schätze wohl leichter zu heben?


Welches Buch kannst du empfehlen, wenn es um Abschied und Neubeginn geht?

Es ist eher ein Buch für Kinder, aber ich liebe „Die besten Beerdigungen der Welt“ von Ulf Nielsson.

Was ist dein persönlicher heißer Tipp für andere beim „Blattwenden“ in Umbruchphasen?

Jetzt werde ich ein wenig Werbung für TrostHelden machen: Es ist einfach so, dass ich unser Matching für eine der besten Hilfen für Trauernde empfinde. Wir bringen diejenigen Trauernden zusammen, die in ihrer jeweils individuellen Situation perfekt zueinander passen.

Dabei berücksichtigen wir neben dem individuellen Schicksalsschlag auch den persönlichen Umgang mit der Trauer und sonstige Lebensumstände. Denn gleich und gleich gesellt sich auch in Trauer gern. It´s a Match – und ein komplett neuer Ansatz in der Trauerhilfe. Inklusive Persönlichkeitsentwicklung!

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